-Bürgerkommune Fraunberg -

31. August bis 01. September 2012

Unter dem Dach der Schule der Dorf- und Landentwicklung Thierhaupten e. V. und der Exkursionsleitung von Architekt Jakob Oberpriller, begab sich eine Delegation der Gemeinde Fraunberg nach Vorarlberg auf Spurensuche. Bürgermeister, Gemeinderäte sowie Mitglieder der Verwaltung, wollten sich so Einblicke in die weithin beachtete Baukultur Vorarlbergs verschaffen, die bereits mehrfach Auszeichnungen auf Europäischer Ebene erlangen konnte. Ziel der zweitägigen Exkursion war es auch, weitreichende Informationen und Erkenntnisse für den eigenen Gemeindeentwicklungsprozess zu gewinnen. Der anstehende Rathausbau sowie die damit verbundene Ortsgestaltung in Fraunberg und auch in Reichenkirchen, sollen von gut informierten Entscheidungsträgern profitieren. Besonders in nachhaltiger Architektur und Bauökologie sowie in vorbildlicher Ortsentwicklung und Platzgestaltung finden mehrere Gemeinden des Bregenzer Waldes, weltweite Beachtung und Anerkennung. Die Kommunen Hittisau, Langenegg, Ludesch und St. Gerold wurden deshalb als Exkursionsziel ausgewählt,  von den dort Verantwortlichen engagiert vertreten und deren Weg detailliert und anschaulich geschildert.
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Erste Station war der Ort Hittisau. Das hier von den Architekten Andreas Cukrowicz und Anton Nachbaur-Sturm in den Jahren 1998 bis 2000 geplante und von der Gemeinde errichtete Feuerwehrhaus und Kulturhaus, enthält als Besonderheit ein vielbeachtetes Frauenmuseum. Mit mehr als 10.000 Besuchern pro Jahr, ist man dadurch weit über alle Grenzen hinaus bekannt und bietet dem dort vorzufindenden Tourismus einen vielbeachteten Aspekt.
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Im massiv gebauten Untergeschoß des Gebäudes hat die Freiwillige Feuerwehr ihren Platz gefunden. Das Obergeschoss ist ein Holzbau, mit voll verglaster Fassade der ausschließlich mit heimischer Weißtanne verwirklicht wurde. Im Erdgeschoß befinden sich zusätzlich zur Feuerwehr auch noch ein Foyer, ein Seminarraum und ein Musikprobelokal. Führerin Helga Rädler zeigte auf, welche Sorgfalt in Auswahl und Herkunft des Baumaterials bei der Planung gelegt wurde. Sie sprach von einer „Hittisauer Holzkultur“, einer seit jeher hier ansässigen Handwerkstradition, welche durch die Architekten „neu interpretiert“ wurde.
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Das hier vorherrschende Material Weißtanne bietet sich geradezu an, den Nachhaltigkeitsgedanken zu 100% zu verwirklichen. Von der Außenfassade bis zu den Innenwänden und sogar der Einrichtung fand es Verwendung und stellte sich im Nachhinein als die richtige Entscheidung heraus.
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Bürgermeister Klaus Schwarz erläuterte die Vorgehensweise seiner Gemeinde darin, einen möglichst hohen ökologischen Standard erreichen zu wollen und auch zu erhalten. Alle öffentlichen Bauten, Gemeindeamt, Pflegeheim, Mehrgenerationenhaus oder der Gemeindesaal, sind aus dieser Philosophie heraus entstanden.
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„Wenn man eine Gemeinde weiterentwickeln will, so muss man auch baulich etwas vorhalten können“, erklärte Schwarz, dessen Gemeinde für die Gestaltung des Projektes „Betreutes Wohnen“ mit dem Architektenpreis „Menschengerechtes Bauen“ bedacht wurde. Neben der Infrastruktur profitiert aber auch die gesellschaftliche Seite vom Gemeindeentwicklungsprozess. Sichtlich stolz berichtete der Bürgermeister von einer gemeinsamen Initiative der Ortsvereine, die ca. achtmal während der Sommermonate, 500 bis 800 Gäste in den Schulhof bringt. „Da trifft man sich und da isst und trinkt man“, berichtete Schwarz, der den Hittisauer „Feierabend“, mit Bewirtung, Musik, Kinderprogramm und dergleichen als mittlerweile nicht mehr wegzudenkendes kulturelles Angebot bewertete.

Das Motto „Energie Bewusst Leben“, hat sich die Gemeinde Langenegg vorangestellt. Bürgermeister Georg Moosbrugger erklärte, dass sich die Energiegemeinde Langenegg auf dem Weg zur Energieautonomie befindet, der Begriff Energie aber auch im übertragenen Sinne gedeutet werden soll. „Möglichst viele Leute sollen ihre Energie ins Dorf einbringen und zur Stärkung der Dorfgemeinschaft beitragen“, so der Gemeindechef. Eine der Besonderheiten Langeneggs ist sicherlich der 2008 errichtete repräsentative Dorfladen.
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Das an einen privaten Betreiber verpachtete Geschäft, belebt die nur 1080 Einwohner fassende Gemeinde ungemein und funktioniert prächtig. Allem voran steht der Gedanke: „Wer im Dorf kauft, fördert damit regionale Wertschöpfung sowie kurze Wege und ermöglicht Begegnungen“. Unterstütz wird dieses Beispiel funktionierender Nahversorgung durch eine örtliche Besonderheit, den Langenegger „Talenten“. Diese Regionalwährung leistet dabei einen wichtigen Beitrag zur Sicherung der Nahversorgung im Ort. Bürgermeister Moosbrugger, der ebenfalls mit einer neuen Architektur im Ortszentrum aufwarten kann, gab im Hinblick auf dieses ungewöhnliche Engagement zu bedenken: „Nur Gebäude zu schaffen ist zu wenig, wir müssen auch Bewusstsein schaffen“.
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Durch die eigene Währung ergäben sich Vorteile, die zwangsweise Kaufkraft im Ort binden, kurze Wege fördern, Fördergelder der Gemeinde im Ort halten und noch viel wichtiger, eine vorteilhafte Bewusstseinsbildung bei den Bürgern hervorruft. Derzeit seien Talente im Wert von 140.000 Euro im Umlauf, die durchschnittlich vier Mal eingesetzt werden und bei denen die Abonnenten mit einem 5%igen Rabatt bei ausgewiesenen „Talentbetrieben“ einkaufen können. Besonders stolz war Moosbrugger auch auf die weiteren Projekten mit Bürgerbeteiligung, wie der „AG Nahversorgung“ oder der „AG Sozialkapital“, innerhalb der Nachbarschaftshilfe in den verschiedensten Bereichen angeboten und gegeneinander aufgerechnet wird.
Der Gemeinde Langenegg wurden in den letzten Jahren zahlreiche regionale, nationale und internationale Preise verliehen.
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Darunter so bedeutende wie der Europäische Dorferneuerungspreis 2010, der European Energy Award 2010 oder der LandLuft Baukultur-Gemeindepreis Österreich 2009.

Am Samstag stand zunächst Ludesch auf dem Besichtigungsplan.
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Die Besichtigung des Gemeindezentrums mit Erläuterungen zur Bauökologie, dessen Funktionalität und die Schaffung eines neuen Dorfmittelpunktes, war hier der hauptsächliche Programmpunkt. Paul Amman, Bürgermeister a.D. und Gebhard Bertsch, Baubiologe der Gemeinde Ludesch, erläuterten die Entstehungsgeschichte und die beabsichtigten Funktionen des gewaltigen Komplexes.
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Es ging darum, für die 3400 Einwohner starke Gemeinde, ein Ortszentrum zu schaffen und für wirtschaftliche Belebung zu sorgen. Darüber hinaus sollte die räumliche Situation des Gemeindeamtes aber auch die örtlicher Vereine verbessert werden. Das Ergebnis, ein zertifiziertes Passivhaus mit ökologischer, ökonomischer und sozialer Funktion, das als „Gemeindezentrum Ludesch“, zusätzlich  einen großen überdachten Dorfplatz integriert hat.
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Beim Bau wurde strengstens auf die Verwendung einheimischer Baumaterialien und auf Einhaltung hochwertigster baubiologischer Standards geachtet. Vorherrschende Holzart war wieder die Weißtanne, die unbehandelt und sägerau auch im Inneren des Gebäudes verarbeitet wurde. Beeindruckend war der Kostenvergleich bei herkömmlicher Bauausführung oder bei Verwendung natürlicher unbehandelter Baustoffe.
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Obwohl sämtliche am Bau beteiligten örtlichen Handwerker verpflichtet wurden, die vorgegebenen Ökoauflagen zu erfüllen, verteuerte sich der Bau nur unwesentlich. Auch in Sachen Energieversorgung gab es viel Wissenswertes zu erfahren.
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Zum Passivhaus wird es durch eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung, einer passiven Kühlung über Grundwasser, Luftvorwärmung über Grundwasser und einer Versorgung mit Restenergie über ein nahes Biomasseheizkraftwerk. Darüber hinaus liefern eine Transluzente Photovoltaikanlage und ein 30m² Thermische Solaranlage mit Latentwärmespeicher Energie und sorgen so für einen äußerst geringen Heizwärmebedarf von 13,5kWh/m2a.

In St. Gerold, im großen Walsertal, konnte Erster Bürgermeister Bruno Summer sein neues Gemeindezentrum präsentieren. Erstaunt nahm die Fraunberger Delegation zur Kenntnis, dass die aus nur 370 Einwohnern bestehende Gemeinde, ein Gebäude mit vielfältiger Funktion errichtet hat. Wiederum ist hier die einheimische Weißtanne das alles bestimmende Baumaterial und bildet zusammen mit großen Glasflächen einen Kubus, in dem Gemeindeamt, Kindergarten und Dorfladen untergebracht sind. Mit dem Bau wurde gleichzeitig ein Dorfplatz verwirklicht, der sich als großer Wunsch
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der Bevölkerung herausstellte und seither das Zentrum der verzweigten Streusiedlung kennzeichnet. Auch hier wurden wie schon in der Gemeinde Ludesch, strengste ökologische Standards angewandt und ausschließlich heimische Baumaterialien sowie Handwerksbetriebe herangezogen.
„Der Dorfladen wir sehr gut angenommen und wurde mit der Neuerrichtung zur vorherigen Größe sogar verdoppelt“, so Summer. Trotz eines nur 7 km entfernten Supermarktes, finden sich währen der nur zweistündigen täglichen Öffnungszeiten (08.00 Uhr bis 10.00 Uhr) genügend Kunden ein, um den Betrieb gewinnbringend führen zu können.
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Natürlich wurden auch finanzielle Aspekte beim Bürgermeister hinterfragt und in Betracht gezogen. Anders als in Bayern werden hier Projekte dieser Art über direkte Finanzzuschüsse gefördert. Für das Gemeindezentrum St. Gerold gab es bei einer Investitionssumme von 2,3 Millionen Euro einen 55%igen Zuschuss, so Summer.
Die Gemeinde St. Gerold wurde für ihr Engagement mit dem Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit ausgezeichnet.

Im Rahmen des Besichtigungsprogrammes waren auch die verschiedensten regionalen Eigenheiten, bezüglich Fördertöpfe, Gesetzesvorgaben oder Bauvorschriften mit enthalten. Erkennbar war aber auch, dass über vielem ein europäischer Standard herrscht, der direkt übertragen werden kann.
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Abschließend war man sich darüber einig, dass viele nutzbare Anregungen aus unserem Nachbarland mit nach Hause genommen werden können. Der Schule der Dorf- und Landentwicklung Thierhaupten e. V gilt großer Dank, da sie mit einem passend ausgearbeiteten Programm, dem Anliegen der Gemeinde Fraunberg, ein Gemeindehaus zu errichten und am Prozess Gemeindeentwicklung weiterzuarbeiten, bestens entgegenkam.

R.H.